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Mit Meisenhecke & Co am Grab

MIT FOTOGALERIE

Foto: Zuzana Kobesova

Ein Spazierbericht vom Hietzinger Friedhof!

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von Zuzana Kobesova

Der Herbst ist die Jahreszeit der Krähen am Friedhof. So auch hier in Hietzing. Was unter diesen Vögeln Rang und Namen hat, hat sich hier eingefunden: Nebel-, Raben- und Saatkrähen. Nur der größte und der kleinste Rabenvogel - der Kolkrabe und die Dohle - fehlen noch. Sie alle sind hier in bester Gesellschaft mit Baronen, Fürsten, Feldherren, Komerzialräten und allen, deren Würdenträgerschaft über den Tod hinaus so wichtig schien, dass es heute noch auf ihrem Grabstein zu lesen ist.

Können Krähen weinen?

Es ist eine eigenartige Kombination der einstigen und gegenwärtigen Bewohner dieses Ortes. Am Weg hinein ist man von Krähen entdeckt bevor man auch nur einen Grabstein in Augenschein nahm. Doch nicht nur als Besucher wird man bewacht. Nach einer Weile hat ein Eindringling die Kolonie in Aufruhr versetzt. Lauthalsige schwarze Flecken fliegen hoch und der mutwillige Kerl ist so schnell weg wie er aufgetaucht ist. Während drei Koloniemitglieder schon wieder das fettige Wachs einer Kerze an sich reißen (zu dritt stöbern sie darin mit Schnäbeln übrigens angestellt in einer Reihe, damit jeder mal drankommt), raunt eine Nebelkrähe herzzerreißend auf einer Tanne herum. Und zwar lange, sehr lange. Es muss etwas Schlimmes passiert sein, denn auf Bäumen ringsum halten die übrigen Krähen eine Gedenkminute ab. Sie schauen lautlos die Verzweifelte an. Es ist so beklemmend und eindringlich, dass man sich für die Verstorbenen zu interessieren beginnt. Was waren es für Menschen? Wie lebten sie?

Botschaften für die Ewigkeit

Man erfährt dabei von Kindern und von Müttern, die das Unfassbare in Worte zu fassen versuchen:

„Sie war vom Stoff, der für die Welt zu gut. Drum nahm der Herr sie früh in seine Hut“

und

„Früh musste mein Kind empor zum Himmel eilen, denn hier auf Erden darf kein Engel lange weilen. Dein trostloses Mütterlein“

Manche versuchen ihren Schmerz eben mit dem Glauben zu tilgen, andere versuchen es mit dem Verdrängen. Und wieder andere wollen über den Tod hinaus stark bleiben und lassen von ihren Auszeichnungen wissen: "k.u.k. Geheimer Rat und Generaloberst, Kommandeur des Militär-Maria Theresien-Ordens, Großkreuz des königl. ung. St. Stephan-Ordens, Besitzer... usw., usw." - die Titel nehmen am Grab weitere sechs Zeilen in Beschlag.

Schlendernd fliegen die Gedanken zur Geschichte wie im Zeitraffer vorbei. Palffy - war das nicht dieser Fürst aus der Zeit der Monarchie? Und Coudehover - die kennt man doch! Ein Engelbert Dollfuß, der faschistische Kanzler, auch der ist hier? Kurz, eher zur Pause gedacht hält eine Oma mit ihrer Enkelin an. In der Verschnaufpause bekommt sie es mit: "ah der, der Dollfuß. Naja. ..."

Im Reich der Hecken

Die Grabreihen sind hier großzügig bemessen, die Gräber stehen Rücken an Rücken. Sorgfältig wird dabei auf zumindest kleinen Puffer - womöglich mit Hecken "gefüllt" - geachtet. Tatsächlich spürt man ohnedies Berührungsängste, denn aus dem Reich der Vögel sah man bisher nur die Krähen. Und das obwohl man sich die ganze Zeit beobachtet fühlt. Wo versteckt sich der Späher? Nach erfolgloser Suche nach Singvögeln setze ich mich resignierend auf ein Bankerl. Aber auch jetzt schleicht sich in mein Sinnieren über das Leben nach dem Tod ein leises, kaum hörbares Rascheln. Die Hecke hinter mir macht Geräusche. Da zupft es, ein Asterl bewegt sich und das Gebüsch beginnt eine mehrstimmige Serenade. Noch immer ist nichts zu sehen, nur kleine Schlitze lassen vermuten: Die Hecken, die die Gräber hier einfassen, sie sind ein tierisches Zuhause. Ja richtig, für Krähen zu klein sind es die Habitate der kleinen Artgenossen - der Kohl-, Blau- und Sumpfmeisen, die dem Krähen-Klan so zu entgehen versuchen. Nachvollziehbar, wenn es auch für Meisen heißt: "The black security is watching you".

Perspektivenwechsel gelernt

Man geht mit anderen Augen durch die Reihen. Ich kann sehen, was nicht zu sehen ist. Man hört so auch mehr als nur das Rascheln im Gebüsch. Leises Piepsen, Krabbeln am Baumstamm, Revierrufe. Die meisten Singvögel kann man nur hören. Gut getarnt entdeckt man sie erst, wenn sie ins Gestrüpp an die Grenzen des Friedhofs ausweichen. Sie alle warten bis die Krähen wieder zu ihren Schlafplätzen wegfliegen. Jetzt erst kommt der Höhepunkt des Tages! In untergehender Sonne wurlt es merklich und nicht bloß wegfliegende dunkle Pfeile streifen den Himmel. Eine Vogelgemeinschaft aus Kleiber, Goldhähnchen und Meisen inspiziert eine Baumreihe, taubengroße Pärchen fliegen von Baum zu Baum bis eine Drossel endgültig den Abend einläutet. Stolz setzt sie sich auf den Wipfel eines Nadelbaums und verkündet mit breiter Brust: Jetzt geht es erst richtig los!

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