Nahversorger

Interview mit Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator

Foto: Jugend Eine Welt

Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator von Jugend Eine Welt, befindet sich seit wenigen Tagen in Aleppo. Gemeinsam mit langjährigen Projektpartner koordiniert der erfahrene Katastrophen-Manager die Nothilfe vor Ort.

Wie ist die Lage in der syrischen Erdbeben-Region?
„Ich bin von der syrischen Hauptstadt Damaskus in den Norden nach Aleppo mit einem Hilfstransport unserer Jugend Eine Welt-Projektpartner gefahren. Die Anreise erfolgte teilweise durch IS-Gebiet. Hier in Aleppo darf in vielen Stadtteilen nicht geholfen werden, da sie nicht unter Regierungskontrolle stehen. Selbst die Arbeit in den anderen betroffenen Gebieten ist extrem gefährlich.“

Welches Bild bietet sich Ihnen in Aleppo?
„Die Altstadt und das Zentrum sind total zerstört. Eine genaue Zahl von Toten wird nicht bekanntgegeben, auch nicht jene der Obdachlosen. Man spricht von 2.000 Toten und 100.000 Obdachlosen. Die Aufräumungsarbeiten sind spärlich im Gange. Menschen graben in den Trümmern mit bloßen Händen nach ihren toten Angehörigen und nach ihren Habseligkeiten. Geschlafen wird am Straßenrand oder in kleinen Zelten ohne Heizung. Die Situation in den zerstörten Arealen ist extrem gefährlich, da nicht nur geholfen, sondern auch aus Not geplündert wird. Andauernd ereignen sich kleinere Nachbeben, die Menschen reagieren darauf äußerst ängstlich.“

Wie geht es den betroffenen Menschen?
„Die Menschen sind traumatisiert, wütend und verzweifelt, da von der Regierung in Damaskus kaum Hilfe kommt. Überhaupt keine Hilfe kommt in den östlichen Stadtteil von Aleppo, der nicht unter Regierungskontrolle ist. Es fehlt an allem: Die medizinische Versorgung ist zusammengebrochen, es gibt kein Trinkwasser, die Preise für Nahrungsmittel explodieren am Markt. Es gibt laufend Stromausfälle, gleichzeitig mangelt es an Treibstoff für Generatoren. Viele Spitäler sind beschädigt oder zerstört, ausgebildetes medizinisches Person fehlt. Alle Schulen, in Aleppo sind es 69, sind geschlossen und werden als Notunterkünfte verwendet, wie auch Kirchen und Moscheen.“

Welche Eindrücke sind für Sie am Schlimmsten?
„Kinder, die am Straßenrand alleine sitzen und weinen. Menschen die bei Minusgraden völlig alleingelassen traumatisiert auf der Straße schlafen und nichts zu essen haben.“

Welche Hilfsgüter hat Jugend Eine Welt bislang nach Aleppo gebracht?
„Medikamente, Medizinprodukte, warme Kleidung für Kinder, Lebensmittel und Decken aus dem Spital der Don Bosco-Schwestern in Damaskus.“

Wie verzweifelt sind die Menschen?
„Viele haben alles verloren. Alle haben Angst in die beschädigten Häuser zurückzukehren, bei kleinen Nachbeben beginnen viele zu zittern und haben Angst. Viele, die ihre Angehörigen verloren haben, sitzen apathisch da, reagieren wütend auf die Regierung.“

Was ist zurzeit die größte Gefahr für die Menschen in Aleppo?
„Die bittere Kälte, aufkommende Krankheiten, kein Dach über dem Kopf – dazu kommt noch die Gefahr von mögliche Seuchen, da noch viele Tote unter den Trümmern befürchtet werden.“

Welche Hilfsgüter werden am Dringendsten benötigt?
„Lebensmittel, Trinkwasser, Unterkünfte, medizinische Versorgung, internationale Hilfe und Spenden.“

Was ist das Wichtigste, was in der Erdbeben-Region jetzt zu tun ist?
„Neben psychologischen Support, ist es jetzt wichtig, Nothilfeprojekte im Bereich Gesundheit, Food & Nutrition, Wasser und Protection zu entwickeln und Geber dafür zu finden.“

Sie haben ja schon in vielen Erdbebengebieten geholfen, z.B. auf Haiti und in Ecuador. Was ist Ihre größte Motivation dies zu tun?
„Wenn man die Verzweiflung in den Augen der betroffenen Bevölkerung sieht und das Weinen der traumatisierten Kinder hört, stellt sich die Frage der Motivation für mich nicht…“

Wie lange ist Ihr Einsatz in der syrisch-türkischen Erdbebenregion geplant?
„Ich bleibe, solange ich hier gebraucht werde und ich etwas bewirken kann – und natürlich solange es die Sicherheitslage zulässt.“

Wie können Menschen hier in Österreich am besten helfen?
„Durch Spenden an unsere Organisation Jugend Eine Welt. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit verlässlichen Projektpartnern vor Ort in Syrien zusammen. In Aleppo unterstützen wir zum Beispiel einen Kindergarten. Dieser ist nun auch zu einer Notschlaf- und Zufluchtsstelle für vom Erdbeben betroffene Menschen umfunktioniert worden. Spenden an Jugend Eine Welt kommen direkt bei den notleidenden Menschen an und werden dort gezielt für Nothilfe-Maßnahmen eingesetzt. Wir arbeiten auch eng mit im Libanon sitzenden Don Bosco-OrdenskollegInnen zusammen. Heute Früh brachte ein Autobus der Don Bosco Schwestern aus dem Libanon viele wichtige Hilfsgüter. Darunter Lebensmittel, warme Kleidung und Schuhe. Aktuell läuft gerade die Essenausgabe für Menschen, die alles verloren haben. Doch die Hilfsgüter werden wieder knapp.“


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