ORF-Zentrum Wien
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ORF-Zentrum Wien

Die „Burg“ am Küniglberg ist in vielerlei Hinsicht zum übermächtigen Symbol geworden. Roland Rainer baute das einst so innovative Gebäude.

[…] Bereits um 1960 wurde als Standort für ein österreichisches Fernsehzentrum, das auch die Direktionen des ORF und die Nachrichtenstudios des Hörfunks aufnehmen sollte, das aus dem Jahr 1940 stammende und im Krieg zerstörte Kasernengelände am Küniglberg ausgewählt. Der hochgelegene Bereich eines Wienerwaldausläufers, auf dem seit Kriegsende zum Teil verwahrloste Ruinen standen und wo sich einige Gewerbebetriebe vorübergehend ansiedelten, ermöglicht gute Richtfunkverbindungen nach allen Seiten und ist verkehrstechnisch gut erreichbar. Der am weitesten zurückreichende Vorgängerbau des ORF ist der auf dem Terrain der Wasserreservoire am Rosenhügel gelegene Pavillon der RAVAG.

Nach einer in den Jahren 1967–69 erfolgten Intensivplanung und Kapazitätserstellung, wobei auch Auslandserfahrungen mit eingebracht wurden, konnte 1969 mit dem Bau begonnen werden. 1976 war die Anlage fertiggestellt.

Die differenzierten Baukörper auf einer Grundfläche von 80.000 m2 sind – der Forderung nach kurzen Wegen und Leitungen entsprechend – so konzentriert wie möglich angeordnet. Der Gebäudekomplex konnte als Ganzes gestaltet werden, „was heißt, neben der Erfüllung der überaus vielfältigen funktionellen Erfordernisse auch die Bedeutung und das Wesen dieses Mediums mit seinem gleichzeitig gesellschaftlichen, kulturellen und technischen Charakter zum Ausdruck zu bringen.“

Die Baugestalt liegt im Spannungsfeld zwischen Rücksicht auf Einordnung in Stadtbild und Landschaft und der Darstellung ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Die weithin sichtbare Anlage folgt der Geländeform – dem höchsten, etwa in der Mitte des Höhenrückens liegenden Baukörper, sind abgetrennt die niedrigeren vorgelagert –, ist jedoch zugleich auch dominantes Zeichen an exponierter Stelle.

Der Bau zeigt aber auch die gesuchte Konfrontation zwischen Technik und Landschaft. Ein Beispiel hiefür ist der Blick von der Eingangshalle einerseits über das Wasserbecken in die Weite der Umgebung, andererseits in den zentralen Gerätekomplex mit seinen eindrucksvollen maschinellen Einrichtungen. Der vom Zweck her diktierten Technisierung wurden eine reiche Bepflanzung um die Anlage und eine durch das Reflexionsbecken erzielte Klimaverbesserung entgegengestellt.

Die Forderung nach rationeller Konstruktion wirkte auf die Baugestalt vereinheitlichend. Vorfabrizierte Stahlbetonträger bringen in ihrer plastischen Modellierung den statischen Kräfteverlauf zum Ausdruck. Das Gebäudegerüst besteht aus mehreren hundert gleichen, aus schalreinem Stahlbeton gefertigten Parapet-Trägern von 15 m Länge und 1,5 m Höhe. Die Kassettendecken sind ebenfalls vorgefertigt. Auch die wegen der Akustik notwendigen Vollwandkonstruktionen der Studios bestehen aus 1,5 m hohen Elementen; sie sind wie bei einem Blockhaus an den Ecken verkämmt. Die sichtbare Führung von Leitungen aller Art erspart Verkleidungen und verstärkt die Verständlichkeit und Aussagekraft des Bauwerkes. Das Gebäude hat keine Fassade im herkömmlichen Sinn, es besteht aus einer sowohl im Äußeren als auch innen offen sichtbaren Konstruktion.

Der gesamte Komplex ist in verschiedene Trakte gegliedert, wodurch große unbelichtete Innenzonen vermieden wurden. Zwischen den verbauten Flächen liegen verschiedenartig bepflanzte Höfe und Freiflächen.

Der Bau sollte nicht wie eine bedrohliche Maschine wirken; deshalb sind auch aus den zentralen technischen Räumen Ausblicke in die Landschaft möglich; die Benützer können den Sonnenschutz – die Aluminiumjalousien liegen außen – selbst steuern, die Fenster sind beliebig zu öffnen. Anstatt geschlossener Liftkabinen ermöglichen rundum verglaste Aufzüge einen offenen Ausblick.

Im Erdgeschoß liegen u. a. die Eingangshalle, der zentrale Gerätekomplex, Vorführräume, das große Synchronstudio und die EDV-Anlage, im ersten Obergeschoß sind um eine zentrale Montagehalle die Produktionsstudios mit den zugehörigen Werkstätten, Ateliers, Labors und Schneideräumen untergebracht. Das TV-Theater, das man über ein Foyer mit Blick über den Süden Wiens erreicht, weist eine 740 m2 große Spielfläche auf und ist mit sechs Farbkameras ausgestattet. Bei der Planung dieses Theaters wurden u. a. die Erfahrungen eines im Juli 1968 in Wien abgehaltenen Symposiums internationaler Bühnenfachleute berücksichtigt.

Über dem ersten Obergeschoß befinden sich Büros und Besprechungszimmer. Im Untergeschoß liegen getrennte, begehbare Energie- und Videotonkanäle, welche die technische Verbindung zu der am Nord-Ostrand der Anlage bestehenden Energiezentrale herstellen. […]

Würzburggasse 30

Bauzeit: 1969–76
Architekt: Roland Rainer
Statik: Ernst Armbruster

backstage.orf.at

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