Böhmer-Leiner, Lydia

Lydia Böhmer-Leiner wuchs in Hacking auf. Ihre Mutter war Direktorin des Sanatoriums Hacking.

Seit meinem fünften Jahr lebte meine Mutter, Frau Fanny Fürth, im Sanatorium Hacking, wo sie die Direktorin war. Ein Eingang war Seuttergasse 6, der Haupteingang Auhofstraße 189. Jetzt ist es das St. Josef Spital. Ursprünglich war es ein Teil des Dominikaner Klosters, jetzt ist die Seuttergasse dazwischen. Es waren 3 Gebäude und der Garten hatte wunderschöne alte Bäume.

Schule
Nach 5 Jahren Volksschulunterricht machte ich die Aufnahmsprüfung in das Humanistische Gymnasium. In der Rahlgasse. Da ich gleichzeitig in die Wiener Musikakademie für Pianounterricht ging und alles sehr entfernt von Hacking war, war das alles zu viel und ich ging in das Real Reform Gymnasium in der Wenzgasse. Ich glaube, es war früher ein Lyceum. Es war viel moderner und leichter. Von der 1. Klasse an hatten wir Französisch und das war sehr leicht für mich, denn ich hatte eine französische Gouvernante. Meine Mutter war vollauf beschäftigt.

Der große Börsenkrach
Als ich 15 Jahre war, war der große Börsenkrach. Der Direktor von unserer Bank kaufte immer, wenn er kaufte, das Gleiche für meine Mutter. Es mussten zwar 10% ausgezahlt sein, aber als der Börsenkrach kam musste man die anderen 90% zahlen. Meine Mutter verlor alles. Ihren Anteil am Sanatorium, etc. Es war gut für mich, denn bis dahin war ich zu verwöhnt und nun lernte ich das Leben von der anderen Seite kennen. Mutter pachtete Hotels in Kärnten, Pörtschach und am Wörthersee. Ich half ihr jeden Sommer und im Winter studierte ich wieder an der Musikakademie. Später hatte ich mit einer Partnerin eine Schule für Rhythmische Gymnastik und Künstlerischen Tanz. Unser Hotel war sehr erfolgreich. Meine Mutter arbeitete mit ausländischen Reisebüros und konnte so die Saison verlängern. Doch es war nicht leicht das ganze Jahr davon zu leben.

Kosmetikbranche
Ich ging in die Kosmetikbranche und erhöhte so mein Einkommen. Meine Mutter und ich hatten nun unsere Wohnung in der Wiesingerstraße. Als Hitler kam, war ich mit Wilhelm, Willy, Böhmer verlobt. Sein Vater war Rudolf Böhmer. Seine Firma Rubo erzeugte Schuhe en gros und hatte viele verschiedene ausländische Vertretungen.

Haus in Hietzing
Die Familie hatte ein Haus in Hietzing, Hietzinger Hauptstraße 120 A. Natürlich stahlen die Nazis, doch wir konnten nach der Besetzung alles zurückbekommen und später verkaufen. Willy sammelte Geld um Schuschnigg und die Regierung zu unterstützen. Er musste zur Gestapo gehen, wurde dort misshandelt und gefangen genommen. Er war in vier Wiener Gefängnissen. Ich nahm einen Nazi-Anwalt namens Flatischer, Nazi No. 10. Er war sehr einflussreich und half meiner Schwiegermutter nach Paris zu reisen. Ihr Mann war geschäftlich dort ein gutes Jahr.

Hochzeit mit Willy
Willy und ich heirateten am 12. August 1938. Erst staatlich, dann im Seitenstettner Tempel, den der Rabbiner Murmelstein für uns aufmachte. Durch die französische Firma hatten wir das Visum und flogen zu meinen Schwiegereltern. Ich versuchte alles, um meine Mutter aus Wien raus zu bringen. Sie hatte ihre Schwester dort und es war schwer für sie, diese dort zu lassen. Aber ich konnte das Visum für meine Mutter leider nur vom schwedischen Konsul bekommen. Bis dahin hatte ich keinen ruhigen Moment.

Die Wohltätigkeitsorganisation brachte mich in der besten Kosmetikschule unter. Willy, der gelernte Schuhmacher, lernte kleine Ledersachen herzustellen. Wir wollten natürlich aus Europa weg. Die amerikanische Quota war sehr schlecht, also reichten wir in Australien ein, wo wir Verbindungen hatten. Auf einmal wurden wir zum Amerikanischen Konsulat vorgeladen. Es waren Visen außerhalb der Quota für zehn Paare da. Der Vice-Konsul gab uns eines davon und wir waren sehr froh über diese Entscheidung. Meine Schwiegereltern bekamen ein Zertifikat für Palästina. Mein Schwiegervater war ein großer Wohltäter und hatte viel für das Land getan. Als wir in Amerika ankamen, waren zwei alte Damen wunderbar zu uns. Sie waren Freunde von einem Pariser Freund, der ihnen über uns schrieb.

Willy bekam verschiedene französische Muster für Amerika und begann sofort zu arbeiten. Für mich dauerte es länger, doch ich bekam eine ausgezeichnete Stelle in einem Haarsalon im Rockefeller-Center, dessen Besitzer der Präsident der Hairdresser Guild war. Ich half nach meinem Job auch Willy. Wir sandten meiner Mutter Geld für zehn Monate nach Schweden, um auszukommen. Das war die Hälfte unseres Einkommens. Sie war dann viereinhalb Jahre in Kuba, wo wir das Visum kaufen mussten und weiter für ihren Unterhalt zahlten. Mein Mann war da wunderbar und sagte nie etwas dagegen. Als sein Geschäft groß genug war, reiste er viel, um zu verkaufen und ich war im Büro. Wir hatten zwei Söhne, sehr begabte und gute Kinder. Es war nicht leicht, so viele Stunden von zu Hause weg zu sein, aber meine liebe Mutter war mit uns. Später nahm sie sich eine Wohnung 5 Minuten von uns weg. Leider bekam Willy Alzheimer. Ich pflegte ihn zu Hause und arbeitete von dort aus. Er verschied mit 61 Jahren. Ich heiratete wieder und daher ist mein Name Lydia Böhmer-Leiner.