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Die Leihbücherei in der SAT-Siedlung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der SAT Siedlung eine Leihbücherei gegründet. Der Grundstein für die Volkshochschule Hietzing war gelegt.

Im Vereinsheim der SAT-Siedlung begann nun unmittelbar nach Kriegsende einer ihrer Mitbegründer den Aufbau einer Leihbücherei. Der Straßenbahner Karl Swoboda hatte schon in der Zwischenkriegszeit am Entstehen einer organisierten Bildungsarbeit im Bezirk mitgewirkt. Als Leiter der Vortragssektion des sozialistischen „Bildungsausschusses der Hauptwerkstätte der städtischen Straßenbahner“ organisierte er im Straßenbahnerheim in der Penzinger Straße 72, die damals noch zum 13. Bezirk gehörte, ein regelmäßiges Veranstaltungs- und Kursprogramm: Rechenkurse, Schön- und Rechtschreibkurse, Lichtbilder- und Aufklärungsvorträge, unterhaltende Vorträge, Feiern, Konzerte, Theaterraufführungen ... I m Programm für das Wintersemester 1925/26 finden wir folgende Mitteilung: „ ... Ebenso wie im Großen Saale einschneidende Änderungen für die Bequemlichkeit der Besucher vorgenommen wurden, so hat der Vorstand weder Zeit noch Mühe gescheut die Vortragsräume ordentlich auszugestalten und zweckentsprechend einzurichten. Auf diese Art ist es nun möglich ein größeres Programm zu entwickeln und zwar findet jeden Donnerstag abends von 7 bis 9 Uhr im großen Saale XIII. Penzinger Straße 72 eine populäre Vortragsreihe statt, wo alle möglichen Themen über Politik, Freidenkertum, Alkohol, Musik, Gesang, Kunst und Wissen, aber auch über Haushalt und Wirtschaft in leicht' verständlicher Weise vorgetragen werden. Es soll den Genossen sowie deren Frauen, Kindern oder sonstigen Angehörigen in allen Fragen des täglichen Lebens ein allgemeines Wissen ermöglichen und zur leichteren Auffassung werden Lichtbilder, Musik- und Gesangsvorträge sowie Exkursionen je nach Bedarf eingeschaltet. In zweiter Linie sollen aber diese Vorträge das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und unsere Frauen mehr und mehr zusammenführen.“

Karl Swoboda setzte auch nun, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, seine ganze Kraft und Erfahrung zum Aufbau einer Bildungsstätte in Hietzing ein. Achtzehn Jahre später, am Ende seiner Tätigkeit als Leiter der Volkshochschule, erinnerte er sich an den Beginn der Arbeit im Siedlerheim: „Aber wie sah dieses Heim, unsere erste Bildungsstätte aus? Schmutz, Gerümpel, zerbrochene Einrichtungsgegenstände, Unreinlichkeit überall. Doch in gemeinsamer Arbeit konnten alle diese Unzulänglichkeiten bald überwunden werden. Nun konnte man mit der Bildungsarbeit beginnen, aber noch zu sehr schwebte die Angst über dem Siedlungsgebiet. In den Häuschen waren fremde Truppen einquartiere. Es gab noch keine Beleuchtung, die Straßen waren finster, die Menschen trauten sich abends nicht auf die Straße. Und dann begann unsere Tätigkeit. Aber wie? Behörden und Ämter funktionierten im Mai 1945 noch ungenügend, so bildeten wir vorläufig eine ,Bildungssektion der Siedlergemeinschaft SAT' und halfen mit, wo es nur möglich war.

Auch die SAT-Rundschreiben, eine Art Bezirkszeitung für die Siedler, vermerkten die damals alltäglichen Schwierigkeiten: Die Stadt Wien hat noch keine Straßenbeleuchtung, daher sind auch in unserer Siedlung die Straßen ohne Licht. Es wird daher empfohlen, auch weil die Gehsteige sehr schmal sind, eine Gehordnung einzuhalten. Wir benützen nach Möglichkeit immer die rechte Straßenseite in unserer Wegrichtung. „

Trotz aller Schwierigkeiten begannen die Menschen der Siedlung den Wiederaufbau ihres Wohn- und Lebensbereiches. Ein Mitglied stellte der Siedlung einen Wagen und zwei Pferde zur Verfügung, die eine große Erleichterung der täglichen Arbeit bedeuteten. Man spendete dem Jubiläumsspital Obst und Marmelade für kranke Opfer des Nationalsozialismus und Heimkehrer. Der Reinertrag eines gemütlichen Abends wurde der Siedlerbücherei für den Ankauf weiterer Bücher übergeben. Die von Swoboda und seiner Frau geleitete Bücherei verlieh einmal wöchentlich, jeden Donnerstag in der Zeit von fünf bis sieben Uhr: Kein Monatsbeitrag, keine Einschreibgebühr! Nur pro Band eine Gebühr von 20 Groschen für vierzehn Tage zu bezahlen. Sie finden schöne Literatur, Politik, Jugendschriften, wissenschaftliche Werke und auch fremdsprachige Bücher, hieß es damals in der Nummer eins des Rundschreibens an alle Siedler, das sich auch an die Bewohner der Umgebung richtete.

Daß es gar nicht so leicht war, die zu verleihenden Bücher aufzutreiben, beweisen die wiederholten Bitten um Bücherspenden in den folgenden Rundschreiben: „Sieben Jahre haben wir keine guten Bücher der Weltliteratur zu kaufen bekommen. Auch heute ist es unmöglich, Bücher von Wert zu erwerben. Es ergeht daher an die Bewohner unserer Siedlung die Bitte Bücher zu spenden oder zu verkaufen. Dankende Entgegennahme und ev. Kauf jeden Donnerstag. „ Ebenso wie das Siedlerheim und die ganze Siedlung musste nun auch die Bücherei zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Jahrzehnten aufgebaut werden.

Neben der Angst galt es auch den Hunger zu überwinden. Die Bildungssektion half, Saatkartoffeln an die Siedler zu verteilen, und so wurden die ersten Kontakte hergestellt und Teilnehmer für Kurse und Vorträge geworben. Bei einer dieser Kartoffelausgaben meldeten sich 121 Teilnehmer für den Englischkurs, der dann auch im Theatersaal des Siedlerheims abgehalten werden musste. Karl Swoboda schreibt: „Wir wissen, es war nicht Bildungsinteresse, daß dieser Kurs so gut besucht war, sondern es war eine Notwendigkeit, ein Erfordernis der Zeit. Wir kamen diesem Bedürfnis, diesem Verlangen der Hietzinger Bevölkerung entgegen und konnten hier zum ersten Mal Lebenshilfe bieten. Obwohl das Siedlungsgebiet von russischen Truppen besetzt war (es gehörte zu Wien XIII - Mauer), kamen die misten Kursteilnehmer aus Hietzing, denn dieser Bezirk war von englischen Truppen besetzt. Und dies war der Hauptgrund, denn die Bevölkerung wollte sich mit den Soldaten verständigen.“

Die ersten Aufgaben waren also vor allem „Lebensshilfe“ - praktische Hilfe für den Alltag wie Schneiderkurse, Schuhreparaturen oder z. B, ein Angorakaninchenzucht- und Wollspinnkurs, bald aber auch Klubs und Aussprachekreise.

1m Oktober 1945 wurde die Bücherei wegen des großen Andrangs zweimal wöchentlich geöffnet. In den Öffnungszeiten waren auch die Karten für die Veranstaltungen der Siedlergemeinschaft erhältlich, und für Weihnachten 1945/46 wurde erstmals der Verkauf von derzeit erhältlichen Büchern“ vorgesehen und „unverbindliche Bestellungen entgegengenommen“ Zweimal wöchentlich fanden Englischkurse statt, nachmittags wurden für die Kinder Märchen vorgelesen, und abends wissenschaftliche und Lichtbildvorträge geboten, zu denen 200 bis 300 Besudler kamen, sodaß die Sessel oft ausgingen und ein großer Teil der Besucher sich mit Stehplätzen zufrieden geben mussten.