Woolf, Dorit

Dorit Woolf wuchs in der Elßlergasse 26 und hat viele Erinnerungen an ihre eigene und andere Familien.

14 Jahre Hietzing
Ich habe 14 Jahre in Hietzing gelebt (Elßlergasse 26, Tür 10) und musste mit meinen Eltern fliehen. Wir hatten Glück, denn meine Mutter Maggie Schwarz war in Amerika geboren, und ihre Verwandten in Amerika schickten uns ein Offidavid – eine Garantie, sodaß wir auswandern konnten. Wir ließen alle Möbel, Mäntel und Kleider in den Kästen, meine Mutti hatte eine große Tasche, so wie eine Arzttasche damals, und ich hatte meine Schultasche am Rücken mit nur Pyjamas, meine Puppe und Unterwäsche zum wechseln. Ein Taxi war bestellt (sehr ungewöhnlich) und mein kleiner Freund Franzl Bäuml (Halbjude), der im 1. Stock meines Hauses wohnte, kam auf seinem Rad vorbei „Wohin geht ihr denn?“. „Zum Zahnarzt“ (der in der Inneren Stadt war). Unsere Visa nach Amerika kamen nicht nach. Meine 17 Jahre alte Schwester arbeitete als Kindermädchen in England bei einer Cousine der Königin. Die verschaffte für Mutti und mich ein Visa nach England für „Cook and child“. Wir hatten Angst zu bleiben und aufs Offidavid zu warten. Mein Vater Alexander Schwarz musste bleiben, denn zu dieser Zeit ließ England keine Männer herein, nur zur Durchreise, denn es war dort Arbeitslosigkeit.

Angst um den Vater
Wir hatten Angst um unseren meinen Vater, der jeden Tag mit dem 58er in die Stadt fahren musste, um die Dokumente zu bekommen, die er haben musste zum Auswandern (zum Beispiel, dass er keine Steuern schuldet, etc.). Da waren oft viele Männer (Juden) bei dem Amt angestellt, und die Nazis kamen mit offenen Lastwagen, nahmen alle Männer ins KZ. Mein Vater ist einmal abgesprungen und da er die Durchhäuser von Wien gut kannte, ist er davon gekommen (Die Nazis liefen durch einen anderen Ausgang). Die Angst war immer mit uns. Unser Haus, Elßlergasse 26, hatte einen hübschen Vorgarten mit Dahlien und anderen Blumen, die der Herr Brazda (Hauswart) pflanzte. Der Herr Brazda wurde nach Deutschland geschickt, Straßen bauen und der Vorgarten bekam Unkraut. Das Haus hatte einen Zaun und eine Holztüre. Eines Nachts hörte ich im Schlaf den bekannten Ton den die Tür machte. Dann war pumpern an unserer Eingangstür.

Meine Eltern im Schlafrock, ganz entsetzt, ein Nazi in Uniform mit einer Frau die vor längerer Zeit bei uns Bedienerin war und beim Frühjahrsputz gründlich machen und unserer Köchin Marie Aichinger helfen sollte. Sie war aber betrunken damals und als sie das Kristall aus einem Küchenschrank hätte nehmen sollen, zog sie den ganzen Aufsatz auf sich herunter und zerbrach Kristall für 24 Personen! Also meine Mutter hatte ihr gekündigt. Meine Mutti hatte die schönsten Schlafzimmermöbel, denn mein Vater war im Holzgeschäft, suchte das feinste Holz aus und hat die Möbel damit machen lassen. Die hatten der Bedienerin gefallen. So kam sie mit ihrem SS-Boyfriend mitten in der Nacht mit einem Lastwagen und noch zwei Pucher, und sie schleppten die Schlafzimmermöbel weg. Es war fürchterlich und sie drohten uns mit grässlichen Sachen, falls wir davon reden würden.

Meine Mutter hat eine Holzkiste packen lassen. Sie nahm einige Bilder, die sie als Hochzeitsgeschenk in 1914 bekam. All die Bilder, die mit Wien zu tun hatten (ein Bild vom Naschmarkt, eines vom Hietzinger Platz in 1830, das hat mir besonders leid getan, denn ich bin in die Volksschule am Hietzinger Platz von 1930-1934 gegangen) die wurden alle herausgenommen und nur unwichtige Bilder kamen an. Nun will ich Ihnen über meine Schulfreunde erzählen. Vis-a-vis von meinem Haus war eine schöne Villa. Die gehörte der jüdischen Familie Spielmann. Gustl war in meiner Volksschulklasse, seine 2 Schwestern waren älter (Maya und Eva). Wo sind die plötzlich verschwunden? (In 1938). Zwei Häuser weiter auf der Neuen-Welt-Gasse lebte Henny Brummer. Von der hab ich nie wieder gehört. Sie war Jüdin. Noch weiter an der Neuen-Welt-Gasse in die Hietzinger Hauptstraße. Dort wohnte ein bekannter Musikant (jüdisch Dr. Heim). Da schleppte ich meinen Holzkasten mit der Violine zu ihm und er gab mir Violinunterricht. Auf der Neuen-Welt-Gasse war auch unser Arzt Medizinalrat Dr. Fleischer. Ein wunderbarer Mann, den alle Kunden liebten. Er ist auch verschwunden.

Familie Behr
Auf der Wenzgasse lebten Freunde meiner Eltern, die Familie Behr. Die jüngste Tochter hatte einen Buckel und ist bald verschwunden. Auf Elßlergasse 6 (oder 9) lebten die jüdische Familie Löwenthal. Ilse war in meiner Klasse in der Volksschule. Zuerst wohnten sie in einer Wohnung vis-a-vis vom Haus, und dort war nur ein Obstgarten. Die Löwenthals kauften das Land und bauten ein wunderschönes Haus. Ich war oft dort mit Ilse spielen. Während des Schuljahrs gab der Oberlehrer Albert Mender Nachhilfe in Mathematik bei der Ilse am Nachmittag. Zu Mittag war immer ein langer Tisch im Garten bei der Küche aufgedeckt und alte Männer kamen jeden Tag und aßen Suppe und Brot. Die Löwenthals waren große „Philantropisten“. Die flohen nach CSR, dann kam ein Brief heraus geschmuggelt aus Theresienstadt, dann nichts mehr.

Zuletzt im Jahr 1989 (bin nicht sicher welches Jahr) wohnte Peter Reuschel und Frau dort. Peter war mein Jugendfreund bis ich 7 Jahre alt war. Er hatte die Wohnung vis-a-vis im 2. Stock, Elßlergasse 26. Seine Mutter war Jüdin, sein Vater Christ. Die haben die Schuhe und Handtasche beim Donaukanal hingestellt und sagten, die Mutter hat sich umgebracht. Da wurde der Donaukanal ausgeleert (wie sagt man das auf Deutsch. Auf Englisch: they dredged the Donaukanal), fanden aber die Mutti nie. Die war bei Bauern für viel Geld versteckt. Einmal versteckte sie sich (sie war sehr klein) unter einer dicken Daunendecke und die Nazis mit Bayonett stachen viele Male um sie herum, ohne sie zu ertappen. Das passierte auch einer Cousine von mir, die in einem Heumännchen versteckt war, das der Nazi genau so mit Bayonett stach. Sie wurde damals nicht gefunden. Also mein Freund Peter ist nach Schweden geflohen.

Ich
Ich war in der 4. Klasse Frauen-Oberschule in der Wenzgasse, 13 ½ Jahre alt, als ich zuletzt Deutsch schreiben lernte. Seither bin ich Hochschullehrerin geworden, unterrichtete „Art“ (Malen, Zeichnen, Kunstgeschichte, 2 und 3- dimensionales Entwerfen, etc. etc. Das tat ich 24 Jahre. Ich bin jetzt zurückgezogen, 78 Jahre alt, verlor meinen Mann (ein Wiener auch) nach 52 Ehejahren. Ich habe 2 Söhne und 3 Enkerl, die mich beschäftigen. Aber all die Jahre spreche ich nur Englisch. Meine Söhne, hier in New York geboren, sprechen besser Deutsch als ich, auch spanisch und französisch. Also entschuldigen sie mein Deutsch.

Familie Herlinger
In meinem Haus lebten auch die Herlinger. Liesl war eine Freundin meiner Schwester Peggy. Die lebt in Hollywood. Was mit der jüdischen Familie geschah, weiß ich nicht. Unter uns war eine Familie Kalmar. Er war blind. Die Tochter Lilly ging nach England, wo sie bald an Brustkrebs starb. Da gab es auch eine jüdische Familie Brettisch. Der Sohn sammelte Schmetterlinge. Die Tochter war etwas älter als ich. Was geschah mit denen? Franz Bäuml´s Vater hatte eine Meerschaumpfeifenfabrik. Seine Frau war Christin. Die kamen zu uns in New York zum Abendessen in 1942. Ihr Sohn ist mit den Kindertransporten nach England. Auch mein Mann Leopold Woolf kam so nach England in 1939. Er war damals 15 Jahre alt.

Im ersten Stock wohnte ein netter Herr Dr. Reiss, auch der ging weg, wohin weiß ich nicht. Mein Sohn Matthew hat auf der Universität Wien Sommerkurse studiert. Wir haben ihn in Wien getroffen. Er wollte unbedingt meine alte Wohnung (Tür 10) sehen. Wir gingen zum Haus, aber kannten keine Namen, die angeschrieben waren. Da kam eine Dame aus der kleinen Garage und fragten, ob sie uns helfen kann. Ich erklärte, dass ich hier 14 Jahre lebte und mein Sohn die Wohnung sehen möchte. Sie fragte mich, welche Wohnung, ich zeigte auf die Fenster und es war jetzt ihre Wohnung. So gingen wir hinauf, das Haus schäbiger als zu meiner Kindheit. Es gehört der Technik und die geben scheinbar kein Geld aus, es zu verbessern. Also wir waren Gäste von Dr. und Frau Magdalena Hawlik. Die gaben ein großes Abendessen für uns, wo alle möglichen jüdischen Bekannten eingeladen waren und wir waren so 20 in unserem alten Speisezimmer. Frau Hawlik sagte uns, dass unsere Möbel von der deutschen Familie, die vor ihr dort wohnte, nach Deutschland geschickt wurden. Wir bekamen gute Freunde von den netten Hawliks und Frau Hawlik verbrachte einige schöne Wochen bei uns in Scarsdale, New York. Wir korrespondieren noch immer.

Stammbuch
Jetzt blätter ich durch mein Stammbuch (hab es seit der Volksschule) und sehe die Namen all meiner Schulfreundinnen, die nicht mehr leben oder verkommen sind. Meine beste Freundin war Ursula Schidrowitz. Die hatte ein schönes Biedermeyerhaus, vis-a-vis dem Ausgang vom Maxingpark, ich glaub es war Maxingstraße 46. Ihr Vater war jüdisch, Redakteur, Mutter Christin Martha Wagner, Schwester der berühmten Burgtheater-Schauspielerin Erika von Wagner. Die Schidrowitz flüchteten nach Brasilien, wir korrespondierten 30 Jahre, die Tante in die Schweiz. Ihr Mann hieß Fritz Stiedry und er wurde Dirigent der Oper in New York in 1950. Stiedrys Tochter Jessica hatte Kinderlähmung und wurde in Deutschland vergast (alle in meiner Klasse).

Herta Goldstein nach Argentinien, Lizzi Lenz, Ilse Löwenthal nach Theresienstadt. Gertrud Großmann, wohnte oben beim Schranken Kupelwiesergasse, nach Kalifornien. Eva Schwenk, Auhofstraße, nach New York. Sofie Schüler wohnte bei der Reichgasse?, Martha Palker, Marta Wachsmann, Gisi Stern, Inetta Lande, alle verschwunden. Maria Wolf und Bruder Georg, von Wenzgasse (Vater war Dr. Hugo Wolf, Rechtsanwalt und Frau Dr. Grete Wolf, Zahnärztin) sind mit Kindertransport nach England. Susi Freiberger nach New York, Trude Pulitzer und Familie – nie wieder gehört. Etta Resek und ältere Schwester in Australien, Eltern konnten nicht weg, sind umgekommen. Also, das ist alles über die jüdischen Hietzinger Kinder, die ich kannte.

Von älteren Leuten weiß ich auch viele Geschichten. Zum Beispiel: Als wir weg fuhren, konnte unsere Köchin Marie nicht bleiben. Die Frau Dr. Wolf übernahm sie. Eines Tages war sie allein zu Haus (herrliches Haus, Wenzgasse) als die Eltern des Herrn Dr. Wolf mit dem 58er aus der inneren Stadt mit einem kleinen Koffer ankamen. Der alte Dr. Wolf, damals beinahe 80 und seine ältere Frau hatten ein 4 Jahre altes Enkerl mit ihnen, die Elisabeth. Die war das Kind seines jüngeren Sohnes, der mit seiner Frau zu Fuß(!) nach Palästina flüchtete. Dieses junge Ehepaar versteckte sich bei Tag und ging zu Fuß durch Ungarn, Türkei etc. in der Nacht, kamen auch an und leben in Israel. Der alte Herr sah aus wie Einstein mit weißem Haar und war im ersten Weltkrieg Regimentsarzt in Tirol. Kaum waren sie im Haus, kam ein Lastwagen mit SS. Der Alte zog schnell seine Uniform vom ersten Weltkrieg an, mit vielen Orden auf der Brust und kam so die Stiegen herunter (von Marie nach dem Krieg erzählt).

Die SS lachte, nahm die 2 Alten und das Kind weg (sie sind in Theresienstadt umgekommen). Die Marie (die beste Person auf der Welt, war 14 Jahre bei uns, wie meine zweite Mutter) lief zur Elektrischen, um den Herrn Dr. und Frau abzufangen, denn das Haus war besetzt und eine riesige Fahne, vom Dach bis über der Eingangstür, war zu sehen. Die Wolfs kehrten nie wieder zurück ins Haus. Sie taten das selbe als das jüngere Paar und gingen zu Fuß in der Nacht bis nach Griechenland, wo sie auf einer Insel den Krieg überlebten, da sie oft dort Sommergäste waren. Also unter den „refugees“ von Hietzing gibt es hunderte solche Geschichten. Eine Kinderfreundin von mir (sie heisst Dr. Dorit Bader-Whiteman, Psychologin) schrieb ein Buch über diese Flüchtlinge und ihre Erlebnisse. Es heisst „Die Entwurzelten“, auch in Deutsch zu haben. Vielleicht würden Sie das lesen, viele Hietzinger sind darunter.