Weiss, Harry

Harry Weiss wuchs in der Lainzer Strasse 16 auf und besuchte die Volksschule Am Platz und später die Fichtnergasse. Er flüchtete in die USA.

Ich wurde am 11.5.1921 geboren und habe von 1922/23 auf der Lainzerstraße 16 gewohnt, eine Nobelwohnung, die den gesamten 2. Stock einnahm. Ich besuchte die Volksschule Am Platz, dann die 1.-4. Klasse des Gymnasiums Fichtnergasse und obwohl für mich die humanistische Ausbildung ein Ideal war, beschlossen meine Eltern, daß ich in die Bundes Lehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie,Wien V. Spengergasse 20, Höhere 4-jährige Abtlg., eintreten soll – von der ich dann, wie alle meine jüdischen (nein „mosaischen“) Klassenkollegen am 2. Schultag nach dem „Anschluss“ entfernt wurde.

Über mein persönliches Schicksal will ich in diesem Brief nicht eingehen, doch war diese Periode, die ich allein und nur durch viel Glück überstehen konnte, so traumatisch, dass sie den Rest meines Lebens, praktisch täglich beeinflusst. Dass ich dennoch, vollkommen allein, ohne Matura, in USA ein erfolgreiches Leben aufbauen konnte und heute noch als Arbitrator/Mediator hochaktiv bin, verdanke ich wohl meinen Vorfahren, aber auch z.T. der guten, recht kurzen Schulausbildung. Was Sie persönlich interessieren mag ist, dass ich bis heute Freunde, mit denen ich als Kleinkind in Schönbrunn in der „Lichten Allee“ spielte, mit denen ich in die Volksschule ging, oder die ersten 4 Jahre in der Fichtnergasse verbrachte, so weit diese am Leben sind, in engem Kontakt stehe und das unsere Gefühle über die Vergangenheit recht analog liegen.

Gerade diese Enttäuschung, über Nacht von einem stolzen Österreicher zu einem .................. degradiert zu werden, den kein Land der Welt freiwillig aufnehmen will oder Asyl gibt – die Hoffnungslosigkeit dieser Zeit, scheint mir zu fehlen.