Steinitz, Dr. Karl Heinrich

Dr. Steinitz berichtet von sich, seiner Familie und ihren Bekannten. Seine Großmutter und sein Vater wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Mutter
Meine Mutter, Meta Steinitz, geboren 1890, konnte noch rechtzeitig vor Kriegsausbruch in die Schweiz flüchten. War zuerst kurz in St. Gallen bei Nationalrat Dr. Huber, mit dem mein Vater durch seine Verteidigertätigkeit während der Dollfuss-Schuschnigg-Ära in Verbindung war. Kam dann nach Le Locle, wo ich bei Nationalrat Dr. Henri Perret lebte. Sie ist nach dem Krieg wieder nach Wien zurückgekehrt, hat einige Zeit in Gemeindebibliotheken gearbeitet. Sie ist 1974 gestorben.

Ältere Schwester
Meine ältere Schwester, Dr. jur. Elisabeth Steinitz, geboren 1911, emigrierte zunächst in die Tschechoslowakei, ist dann per Flugzeug nach Frankreich evakuiert worden. Lebte zuerst in Paris, dann in der „freien Zone“, wurde aber trotzdem später verhaftet und in ein Deportationslager gebracht. Dank eines falschen Passes wurde sie wieder freigelassen und ist schließlich mit ihrem Freund über die Alpen in die Schweiz geflüchtet, wo sie dank Protektion von Dr. Henri Perret bis Kriegsende bleiben konnte. Sie ist dann nach Frankreich zurückgekehrt und hat im österreichischen Konsulat in Paris gearbeitet. Nach ihrer Pensionierung ist sie nach übersiedelt. (Sie hat u.a. den Nachlass meines Vaters im Dokumentationszentrum gesichtet). Sie ist 1991 gestorben. In Wien leben noch meine beiden anderen Schwestern, deren Adressen sich auf Ihrer Liste befinden müssen, da sie beide dem Nationalfonds und allgemeinen Entschädigungsfonds bekannt sind.

Ich
Ich selbst, geboren 1916, bin am Samstag nach dem „Anschluss“ (19. März 1938) legal in die Schweiz geflüchtet. Der Polizei allzu gut bekannt, bin ich an der Grenze knapp einer Verhaftung entgangen. Ich fand Unterkunft bei Nationalrat Dr. Henri Perret, mit dessen Hilfe ich schließlich mein begonnenes Medizinstudium wieder aufnehmen und beenden konnte. Alles war nicht ganz einfach. Einzelheiten würden einen eigenen längeren Bericht benötigen. Im Dokumentationszentrum gibt es die Niederschrift eines sehr schlechten Interviews, dessen Veröffentlichung ich verweigert habe, da es praktisch nur Privatsachen enthält, die mit den politischen Zeitproblemen, die uns damals beschäftigten, wenig zu tun haben und über die Problematik des Emigrantenlebens wenig Aufschluss gibt.

Ich bin in der Folge in der Schweiz geblieben, vorwiegend aus persönlichen Gründen. 1955 konnte ich endlich das schweizerische Bürgerrecht erhalten. Auch das war, angesichts meiner politischen Vergangenheit nicht ganz einfach. Erst 1965 wurde mein schweizer Studium nach Absolvierung eines Teilexamens (ähnlich der Nostrifizierung ausländischer Diplome) rechtsgültig anerkannt und erlaubte mir eine selbständige Berufsausübung. Seit 1967 war ich Chefarzt von zwei Kliniken Leysin (Waadtland) und seit 1983 bin ich pensioniert.

Großmutter
Meine Großmutter väterlicherseits, Hermine Steinitz, lebte die letzten Jahre vor dem „Anschluss“ mehr oder weniger bei uns, hatte aber ein eigenes Zimmer in Untermiete in der Kupelwiesergasse, nahe der Verbindungsbahn (die Hausnummer weiss ich nicht mehr). Sie wurde in der Folge in den 2. Bezirk verbracht, wo sie mit einem ihrer Söhne unter ärmlichsten Verhältnissen lebte. Noch vor dem Tod meines Vaters wurde sie mit 84 Jahren deportiert. Wir haben nie wieder von ihr gehört, wissen nicht einmal, ob sie den Transport überlebt hat.

Trotz jüdischer Abstammung waren wir nicht jüdischer Konfession. Mein Vater war ein überzeugter Assimilant, der deutschen Kultur und Literatur sehr verbunden. Er war eigentlich erst seit Kriegende 1918 politisch sehr aktiv und vor allem seit Februar 1934 sehr exponiert, u.a. als Verteidiger in den darauffolgenden Schutzbund-Prozessen und später im großen Sozialistenprozess. Er wurde bereits am Montag, den 14. März 1938 verhaftet, zuerst nach Dachau deportiert, dann nach Buchenwald und ist im Oktober (oder November?) 1942 in Auschwitz ermordet worden, da er nicht mehr arbeitsfähig und leidend war. Wir alle, seine Kinder, waren von frühester Jugend an ebenfalls politisch aktiv und dann während der Zeit der Illegalität der Polizei bestens bekannt. So haben wir uns eigentlich immer mehr als politische, als rassische Emigranten gefühlt, wenn es uns natürlich bewusst war, dass wir doppelt gefährdet waren und unsere „arischen“ Freunde zum Großteil doch in Wien weiterleben und z.T. sogar weiter studieren konnten.

Familie Zerner
Ich denke an die Familie Zerner, wohnhaft in der Auhofstraße (ganz am Ende im Westen). Von den 3 Töchtern ist die Älteste nach Amerika ausgewandert (Cilly?), Ruth (1915) war in England, ist nach Wien zurückgekehrt und hat einen Stadtarzt Fischer, der viel älter war, geheiratet, sie ist vor ein paar Jahren gestorben. Die jüngste Tochter Eva war ebenfalls in England in der Emigration, ist nach Wien zurückgekehrt, war mit Leopold Spira (verstorben) verheiratet und lebt jetzt in einem Altersheim in Wien. Besser informiert bin ich über die Familie Steiner, die einen Schusterladen Ecke Hietzinger Hauptstraße/Feldmühlgasse führte und ebenfalls politisch aktiv war. Sie konnten (alle?) nach England emigrieren, wo noch als einzig Überlebender mein Jugendfreund Fred Steiner (1916) lebt.

Schulkollegen
Von meinen ehemaligen Schulkollegen bin ich ohne Nachricht: Ich weiss noch, dass die Familie Adler (Theodor?), die Ecke Bernbrunngasse/Reichgasse (jetzt Münichreitergasse/Beckgasse) wohnte, rechtzeitig nach Übersee emigrieren konnte. Die Zwillingskinder Georg und Magda waren meine Schulkollegen in der Volks- und später auch in der Mittelschule. Die letzte Nachricht, die ich erhielt, kam von der Überseereise, wo die männlichen Mitglieder von den Alliierten „als feindliche Ausländer“ vorübergehend interniert wurden. Von zwei weiteren Schulkameraden, die in der oberen Hietzingerhauptstraße wohnten, bin ich ohne jede Nachricht: Hans Weiss (der einen etwas älteren Bruder und eine geistig handikapierte Schwester hatte), sowie einen Zipper, dessen Vorname ich vergessen habe, der 1 oder 2 Jahre älter als ich war. In der unteren St. Veitgasse gab es noch eine jüdische Familie Kohn, von der ich nur den Sohn Vicki (Viktor?) kannte.