Eirew, Hans L.

Nachdem Hitlers Leibstandarte in der Fichtnergasse stationiert wurde, floh die Familie, die gegenüber der Schule wohnte, bald darauf nach England.

Ich wurde am 25.8.1924 in Wien geboren. Ich wohnte mit meinen Eltern Max und Else in der Fichtnergasse 20 gegenüber dem Hietzinger Gymnasium.

Mein Vater studierte Medizin in Wien, diente als Regimentsarzt hauptsächlich an der russischen Front im ersten Weltkrieg, studierte nachher Zahnheilkunde und hatte eine Privatpraxis in der Sechshauserstraße. Er war auch als Kieferchirurge bei der Arbeiterkrankenkasse angestellt. Meine Mutter, eine geborene Sperber, war verwandt mit dem Autor Manes Sperber und dem Dichter Alfred Sperber. Sie studierte knapp an der Wiener Universität, aber war nur Hausfrau und Mutter nach meiner Geburt. 9 Jahre nach mir wurde meine Schwester Margaret geboren.

Volksschule
Ich konnte eine idyllische Jugend geniessen, ging zuerst zur Hietzinger Volksschule, wohin man natürlich zu jeder Jahreszeit stramm marschieren musste – von Wagen oder Strassenbahn keine Rede. Ich hatte immer einen Fussball mit und nach der Schule ging es sofort zum alten Austria Platz, wo bis zur Dunkelheit „trainiert“ wurde. Heute kann sich wohl keiner mehr daran erinnern, aber zu der Zeit war der Platz eine grosse offenen Rasenfläche, die blieb nachdem die Austria an ihren neuen Platz zog. Meine Familie waren allerdings Rapid Fans und am Sonntag ging ich oft mit meinem Vater Binder & Co. In Hütteldorf zu bewundern. Zu Ostern war immer ein Tourne mit zwei Wiener Mannschaften, der Slavia oder Sparta Prag und eine aus Italien. Man konnte dann den ganzen Tag dort sitzen und seine Schnittlauchbrote verzehren. Den Sommer verbrachte man im Hietzinger Freibad und lernte den ersten Wasserball zu hantieren (ich war später dank dieses Frühstudiums engl. Nationalspieler). Im Winter durfte man nach der Schule eislaufen oder am Roten Berg rodeln. Ob er wohl noch dort ist? Sie bemerken jetzt schon, was meine geistige Einstellung zu der Zeit war.

Gymnasium
Nach der Volksschule kam ich an das Gymnasium gegenüber. Ich besitze noch meine Zeugnisse dieser Jahre, und sie geben ganz meinem Vater recht in seiner dauernden Vorhersage, dass ich der erste Kanalräumer unserer Familie werde. Mein hochverehrter Klassenvorstand war Herr Professor Riedl. Ich glaube er war später durch seine politische Einstellung bekannt.

Meine Mutter war überzeugt, dass in mir ein musikalisches Genie hegte. Ich brachte mehrere Geigenlehrer zur Verzweiflung, kam zuletzt noch in das Schulorchester, konnte aber nur die kleine Nachtmusik spielen, die sogar bis jetzt mein einziges piece de resistance ist.

„Anschluss“

Sofort nach dem „Anschluss“ 1938 verlor mein Vater seine öffentliche Stelle. Dann wurde ein Mann von der Partei als „Verwalter“ in seine Privatpraxis gesteckt, der sie ihm langsam abknöpfte. Am Tage des „Anschlusses“ wurde die Leibstandarte Adolf Hitlers in unserer Schule einquartiert und wir hatten fröhlich zwei Wochen Ferien. Wir Lausbuben kletterten natürlich den ganzen Tag über die Panzerwagen und Geschütze und befreundeten uns mit den jungen Soldaten. Zwei meiner neuen Freunde sprachen mich eines Tages ernst an und sagten: „Weißt Du, die geben uns hier fast nichts zu essen. Wir haben uns da ein paar Semmeln und Würstl gekauft, glaubst Du Deine Mutter erlaubt uns, die bei Euch zu kochen und essen?“. „Mit Vergnügen“ sagte ich und rückte mit sechs baumlangen Kerlen zu Hause ein. Meine Mutter fiel fast in Ohnmacht, denn sie glaubte, die kamen schon um uns mitzunehmen, denn zu der Zeit war das die dauernde Gefahr, aber wir hatten dann regelmässig diese lieben Gäste, wohl keiner älter als achtzehn.

Ich musste dann leider bald aus der Schule. Meine ehemaligen Lehrer und Mitschüler verabschiedeten sich aufs freundlichste und mit Bedauern, besonders der Geografielehrer Herr Übellacker, der ein „Illegaler“ gewesen war. Ich musste in eine rein jüdische Schule in einem entfernten Bezirk, die ich hasste, da der Unterricht sich fast nur auf Latein und Griechisch beschränkte. Diese Schule wurde auch bald geschlossen und ich musste Arbeit suchen. Ich musste mich dann bei der Jüdischen Kultusgemeinde auf einen Umschulungskurs als Automechaniker anmelden. Wegen der längeren Wartezeit stellte mich meine Mutter in die berühmte Kochschule Koffranek ein. Es war sehr interessant und nahrhaft, aber ohne längere Auswirkung. Mein Kurs war dann nicht an Autos, aber bei einem Schlosser in Simmering, wo ich lernte Schlüssel zu feilen und in Häuser einzubrechen. Teilweise hat mir dieses Studium in meinem späteren Beruf als Kieferorthopäde sehr geholfen..

Verzweifelte Eltern
Meine Eltern waren inzwischen sehr verzweifelt. Trotz der täglichen Gefahr war uns die Auswanderung nicht möglich. Wir suchten in Shanghai, Südamerika, Afrika und Palästina an, wurden aber überall abgewiesen. Bekannte meiner Eltern, die ihr Haus verloren hatten, zogen mit in unsere Wohnung, aber uns drohte das Gleiche.

Dann geschah ein wirkliches Wunder: Mein Vater hat sich mit 400 anderen österreichischen Ärzten und Zahnärzten um 12 Arbeitsplätze in Grossbritannien beworben und war einer der Erfolgreichen. Nun begann der Kampf um die Ausreisebewilligung, eine richtige Schikane. Man brauchte dazu einen Haufen Dokumente. Vater musste wochenlang vor verschiedenen Behörden, oft im Regen, Schlange stehen. Oft wurden plötzlich und ohne Erklärung die Tore geschlossen. Boshafterweise musste man alle Dokumente innerhalb einer Frist mehrerer Wochen zusammenkriegen, sonst musste man wieder von Anfang beginnen und das geschah den Meisten, auch meinem Vater.

Endlich war er so weit, ihm fehlte nur noch die Freigabe von der Wehrpflicht. Merkwürdigerweise war er als ehemaliger K.u.K. Offizier im Ersten Weltkrieg jetzt ein (jüdischer) Reserveoffizier der Deutschen Wehrmacht!

Er musste sich am alten Kriegsministerium melden, wo man ihn an ein Zimmer an einem hohen Oberstock wies. Schon von den Treppen hörte er laut erhobene Stimmen, fast wie ein lauter Streit, offensichtlich aus dem gesuchten Raum. Er klopfte mehrmals vorsichtig an die Türe. Das Geschrei ging aber weiter. Zuletzt öffnete er einen Spalt und steckte nur sein Gesicht herein. Er sah ein grosses Zimmer, ganz möbellos ausser zwei riesigen Schreibtischen, die sich in der Zimmermitte gegenüber standen. An ihnen sassen, mit funkelnden Stiefeln auf den Tischen, zwei Herren in SS Uniformen hohen Ranges, in hochanimierter Diskussion. Nach einer Zeit bemerkte ihn einer und schnaubte ihn an „Was wollns denn?“. Vater legte ihm seine Bescheinigung vor und erklärte, dass er eine Unterschrift benötige. Der Offizier unterzeichnete das Dokument und entliess Vater mit den Worten „Gehns schon, gehns schon, wir werns schon ohne Sie dermachen!“ Mein Vater ging schnell, war aber sehr empört über diese Zumutung und daher fast bereit die Emigration aufzugeben.

Meine Mutter bestand darauf, dass er jetzt – ein freier Mann – mit dem ersten möglichen Flug nach London abreise. Sie musste mit uns zwei Kindern zurückbleiben um den Auszug zu arrangieren. Wir durften nur Möbel, Kleidung, Bücher und persönlichen Besitz mitnehmen, aber keine Wertgegenstände, Silber, Schmuck usw. Beim Laden des Möbelwagens standen zwei SA Männer zur Aufsicht und stöberten durch jeden Koffer, jede Kiste und Hosentasche. Aber in bester Wiener Manier servierte ihnen meine Mutter wegen dieser anstrengenden Arbeit ein grosses zweites Frühstück mit Bier und Aufschnitt.

Lange Reise
Am nächsten Morgen reisten wir auch vom Westbahnhof ab. Mein alter Onkel Josef, ein höherer Polizeibeamter im Ruhestand, kam zum Abschied. Er war der Riese der Wiener Polizei gewesen. Als sich der Zug in Bewegung setzte, sagte er „Ich werde Euch nie wieder sehen“. Die letzte Erinnerung meiner Kindheit in Wien – dieser schöne grosse alte Mann, dem die Tränen übers Gesicht liefen, als er da alleine am Bahnsteig stand. Ich war ja seither wieder in Wien, aber dieses Bild werde ich nie vergessen.

Für die lange Reise hatten wir reichlichen Proviant mit, denn wir durften als Emigranten nur 10 Mark pro Person mitnehmen. Unser neues Leben in England begann daher mit einem Familienkapital von 40 DM. An der holländischen Grenze wurden wir strengstens durchsucht, sogar meine Babyschwester, und manche Leute wurden sogar mit Röntgen durchleuchtet. Das Töpfchen meiner Schwester wurde mit grösstem Verdacht abgeklopft. Dieser Wertgegenstand ging uns leider am selben Tage verloren. Die Kanalüberfahrt war sehr stürmisch und bei einer besonders hohen Welle flog das Töpfchen während Gebrauch über Bord. Zum Glück konnte meine Mutter noch meine Schwester erwischen. Leider hatten wir nicht genügend Geld um diesen Schatz zu ersetzen, sie musste daher schnell lernen mit der Britischen sanitären Technik auszukommen.

Unser Haus in der Fichtnergasse wurde von dem Mieter der oberen Wohnung „übernommen“, da er in der Partei war, aber der Wechsel war freundlich und nach dem Kriege erhielt mein Vater noch etwas Entschädigung. Ich habe seither mit Frau und Kindern die Fichtnergasse besucht, hatte aber nicht das Herz, das Haus oder die Schule zu betreten. Um die von meinem Vater für mich geplante Anstellung als Kanalräumer habe ich mich nicht beworben, auch nicht um die von Mutter erwünschte bei den Philharmonikern.

Meine Großmutter konnte noch am 3. September 1939, dem Kriegsausbruchstag, mit dem letzten Flug Wien verlassen und zu uns kommen. Onkel Josef starb während der Kriegsjahre aus „natürlichen Ursachen“ in Wien, anscheinend von seinen Polizeiverbindungen beschützt. Den Rest unserer Familie sahen wir aber nie mehr wieder.

In England
In den ersten Jahren in England waren wir sehr arm, nur von Gaben und Anleihen unterstützt. Oft fehlten die Mittel einen Laib Brot zu erstehen. Trotz ihrer weiten Erfahrung musste mein Vater und seine Kollegen ein Jahr an einer englischen Hochschule studieren und dann die Endprüfung in der Zahnheilkunde in einer Fremdsprache bestehen. Erst dann durfte er wieder arbeiten, zuerst als Assistent und dann in eigener Praxis. Beide Eltern lebten bis ins hohe Alter zufrieden in Manchester. Sie besuchten Österreich oft nach dem Krieg, hatten aber nie den Wunsch ganz zurückzukehren.

Ich hatte ausserordentliches Glück. Die Quaker christliche Sekte nahm sich meiner an und fand mir einen freien Platz in einer sehr guten boarding Schule (Pensionat) im Süden. Trotz meiner sprachlichen Unkund und meiner merkwürdigen Tracht, wurde ich sehr freundlich aufgenommen und verbrachte die besten Jahre meines Lebens dort. Unsere Lehrer steuerten sogar zusammen um mich für Schule, Privat und Sport anständig auszukleiden. Ich habe bis heute Ursache so vielen guten Menschen dankbar zu sein für diese wunderbare Aufnahme. Seit diesem Zeitpunkt nahm ich das Leben ernst, studierte anständig, später noch an zwei Universitäten und wurde Kieferorthopäde und Universitätsprofessor, Präsident der Britischen Kieferorthopäden etc. Trotz meinem gehemmten Deutsch konnte ich viele Vorträge und Kurse in Deutschland und Österreich geben.

Meine Schwester wurde auch Zahnärztin. Ich verbrachte mehrere Jahre beim Militär, um auch den selben Rang als mein Vater (Major) zu erreichen. Vielleicht braucht uns doch noch einmal jemand?

Heute bin ich natürlich englischer Staatsbürger, stelle mich aber immer noch als „Austrian“ vor. Und die goldene Jugend in Hietzing werde ich nie vergessen.