Adler, Paul

Paul Adler und seine Familie wohnte bis 1938 in der Hietzinger Hauptstraße. Im November 1938 flüchtete die Familie über Genua nach China.

Mein Vater
Mein Vater war der älteste Sohn eines Rudolfsheimer Altwarenhändlers und Enkelkind eines Rudolfsheimer Hausierers (Fetzen, Banner, Alteisen). Er war schon im 18. Jahrhundert in der Vorstadt Wien ansässig. Seine Mutter war Tochter eines Alteisenhändlers aus Nickolsburg, Mähren. Die Großeltern waren religiös, aber nicht fromm. 1914 wurde mein Vater (Hoch & Deutschmeister) mobilisiert, 1916 in Russland (Brussilow Offensive) schwer verletzt, im Lazarett mit Typhus infiziert und Ende 1917 als kriegsuntauglich ausgemustert. Ein jüngerer Bruder ist 1917 am Isonzo gefallen. Der 3. Bruder ist bei den Ulanen vom Pferd gestürzt und wurde aus der Armee entlassen.

Meine Mutter
Meine Mutter kam in Brünn als 5. Kind einer 12 Kinder Familie zur Welt. Die Familie im Holz 6 Kohlehandel mit Lagerplätzen auf allen Wiener Bahnhöfen übersiedelte 1908 nach Wien. Mein Vater lernte meine Mutter am Penzinger Bahnhofsgelände kennen.

Nach dem 1. Krieg vermögend
Die Adlers wurden in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg (Balkankriege) Wohlhabend. Als Militärlieferanten zur Stahlindustrie wurden sie nach 1914 vermögend. Meine Eltern heirateten im Dezember 1919. Sie hatten 3 Kinder. Meine Mutter, die Geschwister in Hietzing hatte und nicht im Familienhaus auf der Mariahilferstraße wohnen wollten, veranlasste Papa 1922/23 nach Hietzing zu ziehen.

Wohnung in der Hietzinger Hauptstraße 36
Die Hietzinger Hauptstraße 36 war ein Jugendstil Wohnhaus (2 Wohnungen per Etage) und war bis 1938 unsere Adresse. Generaloberst Oskar V. Jäger war unser Nachbar. Als er starb hatte er ein sehr pompöses Militärbegräbnis. Wir hatten recht wenig Kontakt mit dem General und seiner Frau. Unsere Klavierlehrerin Frau Lärch wohnte mit ihrem geistig behinderten Sohn neben der Waschküche im 3. Stock. Ein Geschäftsmann aus dem Deutschen Reich wohnte unter uns und eine jüdische Familie namens Landsberger wohnte unter dem General.

Durch ein kleines Vorzimmer (mit Klo für die Haushilfe) kam man in eine große, lange Halle die nach rechts zu der schönen Küche mit Speisekammer und einem Kabinett für die Köchin führte. Alle Räume, Salon, Speisezimmer, Kinderzimmer, das Schlafzimmer der Eltern und das Badezimmer (mit einer Tür zu diesem Raum) hatten Türen in diese Halle, die einen großen verglasten Erker in den Lichthof aufwies. Das war unser Familienraum. Das Klavier, der Kartentisch, die Bücherkästen, das Radio und Grammophon sowie eine Ledergarnitur befanden sich im Salon. Das Speisezimmer war immer für 6 Personen gedeckt.

Der Tempel
Rabbiner Dr. Lewin war auch mein Religionsschule in der Realschule Astgasse. Ich habe eine Zeit im Chor gesungen und mein Bruder wurde dort Barmitzwa.

Freunde
Ich hatte sehr wenig Kontakt mit Kinder, ausgenommen Schulkollegen. Als Kleinkinder betreute uns eine französische Gouvernante. Später waren Hauslehrer, die nach der Schule auf uns warteten, unsere Begleiter. Wir trafen manchmal Freunde und spielten Ball in der Lichtenallee in Schönbrunn. Per Fahrrad besuchten wir Kinder von Hietzinger Villenbesitzern. Ich erinnere mich unter anderem an die rothaarigen Brüder Marischka (Theater an der Wien), Inge Abramovski (Nichte des Burgschauspielers Hermann Wawra), Hansi Beer (Beerson-Wimpassing) und deren hypermoderne Villa, die nach 1933 an Jan Kipura und Marta Eggert vermietet war. Die Beers zogen in die für das Hauspersonal gedachten großen Räumlichkeiten unter dem Dach ein.

Antisemitismus vor 1938
Ich hatte in dieser Hinsicht keine Erlebnisse. Ich war mit illegalen Nazis in der Handelsakademie befreundet, jüdische Professoren wurden sehr respektvoll behandelt und unsere Nachbarn haben meines Wissens nie antisemitische Bemerkungen gemacht.

Verhältnis zu den Mitschülern im Februar und März 1938
Ich war dabei meine Maturaprüfungen zu schreiben. Wir hatten daher keine Schulklassen. Ich fuhr zur Schule, absolvierte meine mündlichen und schriftlichen Prüfungen und erhielt einige Wochen später mein Abgangs- und Maturazeugnis (mit Hakenkreuzstempel). Am technischen Gewerbemuseum wurde meinem Bruder der Eintritt in die Schule sofort nach dem Einmarsch Hitlers verboten. Die Schule hat das schriftlich belegt. Unsere Mutter arrangierte weiteren Mathematikunterricht für ihn und einem Cousin, bis zu unserer Flucht nach China.

Vater wurde von der Gestapo entlassen
April 1938: Nachdem mein Vater den Verkauf der Firma an Hermann Göring unterzeichnet hatte wurde er von der Gestapo am Morzinplatz entlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht die Absicht das Land zu verlassen. Nach seiner Entlassung hatte er jedoch am Lloyd Triestino für die ganze Familie Fahrkarten nach Schanghai gekauft, die er immer bei sich trug. Die Fahrkarten hatten keine Abfahrtstermin.

„Reichskristallnacht“

Wie verlangt, meldete sich mein Vater täglich beim Polizeikommissariat Hietzing. Am 10. November wurde er an die Karajangasse überwiesen und von dort zum Transport nach Dachau zum Bahnhof gebracht. Die Llyod Triestino Fahrkarten haben ihn vor Dachau bewahrt. Wir wussten aber nicht wo unser Vater ist. Später am selben Tag wurde die Wohnung von einer Hauptschulklasse heimgesucht. Die Kinder wussten nicht Recht was sie tun sollten. Ein Wehrmachtoberst, dem die Wohnung zugesprochen war, eilte herbei. Die Kinder verließen die Wohnung ohne viel Schaden angerichtet zu haben. Mein Vater kam einige Tage später zurück. Als ich ihm die Tür öffnete war er fast nicht wiederzuerkennen. Er war 46 Jahre alt, ein gebrochener Mann und wollte das Land raschest verlassen.

Von März bis Oktober 1938 war unsere Wohnung die tägliche Zuflucht jüdischer Familienmitglieder und Freunden aus den Stadtbezirken. Hietzing war, meines Wissens, von fast allen Demütigungen gegen Juden verschont geblieben. Am 20. November 1938 war ich via Genua schon auf dem Weg in den Fernen Osten.