Das Unwetter vom 1. Juli 1898

Ober- und Unter St. Veit wurden von den Überschwemmungen schwer getroffen. Neben vielen Zerstörungen war auch ein Todesopfer zu beklagen.

In der Zeitung „Die freie Presse“ vom 2. Juni 1898 wurde von den verheerenden Verwüstungen berichtet:

„Aus Unter St. Veit wird uns berichtet: Das Unwetter währte hier 1 3/4 Stunden und richtete zahlreiche Verheerungen an. Die Wien brauste in ihrem schmalen Bett furchtbar und führte große Holzstämme, Balken und Bauutensilien mit sich. Viele niedrig gelegene Wohnungen wurden überschwemmt. Die Unter St. Veiter freiwillige Feuerwehr arbeitete unermüdlich und konnte kaum den von allen Seiten gestellten Anforderungen entsprechen.

Der Blitz schlug zweimal in den Telegraphen-Apparat im Postamte ein, ohne jedoch Schaden anzurichten. In dem Hause Kremsergasse 15 wurde der Hofraum überschwemmt. Die Brücke zwischen Baumgarten und Unter St. Veit musste wegen Einsturzgefahr abgesperrt werden. In Baumgarten, Linzerstaße 273, schlug der Blitz in das Haus des ehemaligen Bürgermeisters Karl Gulden, zündete und äscherte den aus vier Objekten bestehenden Besitz ein.

Das Wasser drang in das Haus Linzer Straße 151 bei einem Fleischhauer ein, schwemmte sowohl das Fleisch von vier frisch geschlachteten als auch zwei lebende Ochsen weg, die erst bei der Wagenfabrik Rohrbach aufgefangen wurden. Auch in der Linzer Straße 255 und 257 gerieten zwei Gebäude durch Blitzschläge in Brand; hierbei ereignete sich der schwere Unglücksfall, daß eine Leiter, auf welcher sich vier Feuerwehrleute der Unter St. Veiter freiwilligen Feuerwehr befanden, brach und zwei Löschmänner schwer verletzt wurden. Sie wurden von der Unter St. Veiter Rettungsgesellschaft, welche überall und in anerkennungswürdiger Weise ihre Dienste ausführte, ins Rochusspital gebracht. Bei diesem Brande erlitten noch weitere sieben Feuerwehrleute leichte Brandverletzungen.

Die Ursache, daß Ober St. Veit von dem Unwetter so hart mitgenommen wurde, lag darin, daß sich das Wasser in den eingefriedeten Grundstücken auf dem Plateau der Einsiedelei sammelte, und dann, als die Planken barsten, sich in einem Strome in das Tal von St. Veit ergossen. In dem Hause Hietzinger Hauptstraße 149 des Restaurators Adam Iby drang das Wasser mit solcher Gewalt in den Hofraum, daß ein Schuppen und ein Stall weggeschwemmt wurden. Das Wasser drang in die ebenerdige Hofwohnung, in welcher sich das sechsjährige Mädchen Marie Zimmermann befand, die in dem nachströmenden Wasser ertrank. Die vierjährige Abam Zißmann, sowie deren kranker Großvater, welche dieselbe Wohnung inne hatten, konnten nur mit größter Mühe gerettet werden. Möbel und Vorräte im Gewölbe in demselben Hause wurden vom Wasser fortgetragen.

Große Verluste erlitten die Kaufleute Alfred Kramer und Meitan, wie auch der Zimmermeister Peter Geher, welchen große Holzvorräte weggeschwemmt wurden. In die Villa Spitzer drang das Wasser bis zum ersteck Stock und richtete auch in den Gartenanlagen großen Schaden an. Sämtliche Wege und Parkanlagen waren in der Umgebung ungangbar. Der Telephon- und Telegraphenverkehr war geraume Zeit gänzlich unterbrochen.

Große Verheerungen richtete ein mehr als eine halbe Stunde dauernder Hagel an, dessen erbsengroße Körner die Getreide- und Weinkulturen teilweise vernichteten. Im Tiergarten reichte das Wasser bis zur kaiserlichen Villa, während das Wasser an manchen Stellen der Straße eine Höhe von 1 1/4 Metern erreichte. Die freiwillige Feuerwehren von Ober- und Unter St. Veit mussten zahlreiche Delogierungen vornehmen, besonders in den niedrig gelegenen Teilen.“