Sanders, Eric

Als Erich Schwarz geboren, wuchs Eric Sanders in der Schweizertalstraße und der Auhofstraße auf. Er flüchtete nach England.

Ich wurde am 12. Dezember 1919 in Wien geboren. Meine Eltern hießen Hermann und Gitel Schwarz. Sie waren ursprünglich fromm. Als wir nach Hietzing zogen und meine Eltern ein Lebensmittelgeschäft hatten, wurden nur die (zwei?) Hauptfeiertage gehalten. Von August 1931 bis Juli 1934 haben wir in der Schweizertalgasse Nr. 14 in Ober St. Veit gewohnt, von 1934 bis 1938 war unser Wohnsitz in der Auhofstraße Nr. 114. In der Schweizertalgasse war ein Zimmer hinter dem Geschäft, vielleicht mein Schlafzimmer. Der Eingang zum Haus war neben dem Geschäft, ein Weg führte vom Tor an einem Kohlenkeller vorbei zu einem vernachlässigtem kleinen Garten.

Die Wohnung war auf der anderen Seite vom Geschäft. An die kann ich mich gar nicht erinnern. Als ich das letzte Mal in Wien war wurde das Geschäft noch von dem Sohn des Mannes, der es von meinen Eltern kaufte, geführt. Soviel ich von außen sehen konnte, hat sich nicht viel geändert. An die Wohnung in der Auhofstraße kann ich mich auch nicht erinnern. Sie war hinter dem Geschäft und dahinter war ein winziger Garten. Das Geschäft existiert aber nicht mehr. Meine meisten Freunden waren Juden, aber ich hatte auch welche ohne jüdischer Abstammung. Als Kind wohnte ich in der Reichsapfelgasse (damals Sechshaus, 14. Bezirk) und spielte hauptsächlich in Schönbrunn.

Hietzing
In Hietzing waren meine Hauptbeschäftigungen Fußball spielen, Eis laufen, Schi fahren, Lesen und Klavierspielen. Ich durfte leider nicht studieren. Während meiner Schulzeit in der Göthe Realschule Astgasse habe ich zum ersten mal Antisemitismus gespürt. Als Hitler einmarschierte, blieb ich sofort von der Schule fern. Die „Reichskristallnacht“ im November 1938 habe ich nicht mehr erlebt, weil ich zu dieser Zeit schon in England war. Mir wurde von Demütigungen erzählt, aber ich selbst war nie Augenzeuge. Nicht Augenzeuge, aber von anderen. Die Mutter eines Freundes musste den Gehsteig waschen, von johlenden Leuten umgeben. Es gab keine Personen, die mir oder meiner Familie geholfen haben.

Flucht aus der „Ostmark“
Mein jüngerer Bruder verließ als erstes die „Ostmark“, und zwar mit einem illegalen Transport in Richtung Palästina. Dann floh meine Mutter zu nahen Verwandten in London, mit einem Dienstmädchenpermit. Danach floh ich mit einem Studentenpermit und zuletzt mein Vater mit einem Besuchsvisum nach Belgien. Ich wohnte anfangs mit meiner Mutter bei ihrer Schwester. Dann mietete sie eine kleine Wohnung mit einem geringen Einkommen von einer ihrer Nichten für illegale Arbeit. Während der ersten paar Monate besuchte ich eine Handelsschule. Eine meiner Cousinen hatte für den Kurs gezahlt um mir zu meinem Visum zu helfen. Mein einziges Einkommen war das Fahrgeld, das mir meine Tante gab. Durch viel zu Fuß gehen ersparte ich mir ein paar Pennies mit denen ich an Samstag Nachmittagen ins Kino ging. Später arbeitete ich als freiwilliger Helfer im German-Jewish Aid Committee, wo man mir ein wöchentliches Taschengeld zahlte, aber auch meiner Mutter und mir, wie allen dort registrierten Flüchtlingen, eine wöchentliche Unterstützungszahlung anwies. Als meines Vaters (3 Monate) Besuchsvisum in Belgien ablief, versteckte er sich, wie viele andere, von der Polizei, wurde aber schließlich verhaftet und sollte nach Österreich überliefert werden. Im letzten Moment wurde er in ein Lager gesteckt und kam knapp vor der Kriegserklärung in London an. Er bekam einen Posten als Feldarbeiter außerhalb Basingstoke - eine kleine Stadt westlich von London - und meine Mutter und ich folgten ihm. Ich wurde dort auch angestellt und melkte die Kühe (ein Cowboy, aber romantisch war es nicht).

Armeeeinritt
Im Februar 1940 war es mir möglich, in die Armee einzutreten. Bis 1943 war ich in einem Arbeitsregiment (Pioneer Corps wie die Deutschen Pioniere). Während dieser Zeit unternahm ich einen Matriculation (Matura) Korrespondenzkurs und im Jänner 1943 bestand ich meine Prüfung. 1942 hatte ich mich auch für einen Lehrerkurs nach dem Krieg registriert. Im Jänner 1943 wurde ich in eine Sondereinheit versetzt. Da wurde aus Erich (Ignaz) Schwarz, Eric Ian Sanders, aus Sicherheitsgründen. Ich sollte in Österreich abgeworfen werden, was aber nicht geschah, da die deutsche Front zusammenbrach. Dann verbrachte ich ein Jahr als Dolmetscher in einem deutschen Kriegsgefangenenlager bis zum öffentlichen Ende meiner Dienstzeit. Zwei Tage nach meiner Entlassung wurde ich wieder angeworben und zur englischen Besatzung in Wien versetzt, wo ich in einem Büro, nicht weit von der Wenzgasse, arbeitete. Dessen Aufgabe war es, alle neuen österreichischen Gesetzesvoranschläge auf Englisch zu übersetzen. (Jedes Gesetz musste von den vier Besatzungsmächten bewilligt werden, die daher Übersetzungen benötigten.) In Wien wurde mir ein Posten in einem neuen Unternehmen in London angeboten und 1947/48 arbeitete ich in einem Büro.

Dann besuchte ich ein Emergency Teachers Training College (13 Monate anstatt zwei Jahre) und erhielt mein Certificate (Diplom) im Juni 1949. Ich heiratete ein Jahr später eine der Studentinnen. In England berechtigt ein Lehrer Diplom zum Unterrichten in jeder Art von Schule. Meine Frau unterrichtete die 5 bis 7jährigen, ich die Altersgruppen 12 bis 18. Meine Hauptgegenstände waren Geschichte, Soziologie und Economics (Staatswirtschaft). 1981 trat ich in den (etwas verfrühten ) Rückstand. Seither habe ich mich mit etwas Schriftstellerei beschäftigt, ohne viel Erfolg: Kurzgeschichten, unaufgeführte Theaterstücke, ein Film und (meistens unbezahlte) Artikel, hauptsächlich über Österreich und die Europäische Union, auch über Israel. Ich war plötzlich wieder in Wien, diesmal als englischer Soldat. Teilweise taten mir die Menschen leid. Es war sehr bedrückend, die Trümmerhaufen auf beiden Seiten des Donaukanals zu sehen, und das Leiden der Einwohner zu beobachten. Andererseits war ich in London während es von der Luftwaffe bombardiert wurde und arbeitete am Wegräumen von solchen Trümmerhaufen.

Ich erinnerte mich auch an den Jubel mit dem Hitler in Wien empfangen wurde. Mein Verhältnis mit individuellen Wiener/innen war sehr gut. Ich war in der Studentensektion der neuen Austro-British Society leitend tätig und hatte viele Freunde unter den Studenten. Außerdem fand ich unsere besten Freunde meiner Kindheit wieder vor (Wir wohnten im selben Haus in der Reichsapfelgasse. Er war Zahnarzt, seine Frau war eine Jüdin) bei denen ich (am Mariahilfergürtel), anstatt in der Baracke, wohnte. Weiters traf ich zwei Freundinnen von Hietzing wieder an. Eine hatte die KZ Nummer auf ihrem Arm. Sie und ihre Mutter hatten den Krieg in einem KZ überlebt. Der Vater war verschwunden.