Muller, Susan

Susan Muller wuchs in der Trauttmannsdorffgasse auf. Nach den Novemberpogromen flüchtete die Familie nach China.

Meine Eltern waren Rudolf und Melanie Fuchs und wurden beide in Wien geboren. Mein Vater war Sohn eines Juweliers am Stock im Eisen Platz. Ich kann mich an keine Synagoge erinnern, weil wir keine besuchten. Wir wohnten in der Trauttmannsdorffgasse 26. Ich hatte 3 Klopfbalkone, Marmor Treppenhaus. Meine Freundinnen waren Gabi Berman (Vom Berman-Fischer Verlag, Berlin) und Hellis Breslauer, die in der Wattmangasse wohnte. Gespielt haben wir in der „Lichten Allee“ in Schönbrunn. Das „Fräulein“ (die Gouvernante) war immer dabei.

Antisemitismus
In einem Park, mit meiner 85jährigen Oma (sie wurde später nach Polen geschickt) sagte uns eine Frau dass wir nicht hier sitzen dürfen, weil die Bank nur für Arier sei. Unsere Nachbarn waren nett. Einer davon war Thomas Mann. Mit Mitschülerinnen durfte ich nicht spielen.

„Kristallnacht“

Während der „Kristallnacht“ bewachte ein SS-Mann unser Geschäft. Ein Mann sagte meinem Vater in der Straßenbahn „Steh auf Jud“, mein Vater antwortete „Ich habe mein Blut für dieses Land gegeben“ (Er war Offizier im Ersten Weltkrieg) und blieb sitzen. Eine Dame brachte uns Lebensmittel (die wir nicht benötigten). Meine Mama wollte unsere Bösendorferflügel verkaufen, ich weinte sehr, die Dame sagte sie könnte dem Kind nicht weh tun indem sie das Klavier kauft. Der Flügel blieb in der Wohnung. Wir flohen nach Shanghai, China. Es war schrecklich dort. eine Katastrophe, aber es rettete unser Leben.

Meine Eltern sollten Putzdienst machen (nach Schuschnig Wahl), unser Hausbesorger war Parteimitglied noch vor dem „Anschluss“. Damals (wir sind doch keine Barbaren) waren sie vom Putzdienst befreit. Ich bekam alle möglichen tropischen Krankheiten in Shanghai: Flecktyphus und Dengüfieber unter anderem.

Die erste Begegnung
Ich war nur einmal dort für kurze Zeit. Es war traurig, Wien schaut fast genauso aus wie damals. Wir waren beim Heurigen, ich kenne alle Wiener Lieder und alle Operetten auswendig, nur weil meine Mutter sie sang. Ich war ein einziges Kind und beide Eltern waren schon alt als ich geboren wurde. Ich war sehr verwöhnt, in China hatte ich nichts anzuziehen und meine Eltern litten Hunger, aber für mich war immer etwas zu essen da. Ich hatte meinen ersten Job mit 14 Jahren, arbeitete von 7 Uhr in der Früh bis 7 am Abend, und das täglich. Das verdiente Geld gab ich meinen Eltern.